Letzter Abschied für Rainer Watzke am Röderweg

Erstmals Trauerfeier auf dem Fußballfeld!

Mit erst 68 Jahren verstarb Rainer Watzke am 20.06.2020 plötzlich und völlig unerwartet bei seiner Lieblingsbeschäftigung, einer Fahrradtour. In Wiesbaden-Dotzheim setzte ein Herzinfarkt seinem Leben ein sehr plötzliches Ende. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in den Fußballkreisen des TSV und hatte für viele eine Schockwirkung. Die meisten wollten es zunächst nicht glauben, mussten aber nach und nach die Realität zur Kenntnis nehmen. Ausgerechnet Rainer, über Jahrzehnte hinweg ein Vorbild in Fitness, praktisch ständig im Training, erliegt bei einer Radtour einem Herzinfarkt.

Wir verlieren mit ihm einen großartigen Fußballer und vielseitigen Sportler, vor allem aber einen Freund und Kumpel. 

Rainer Watzke spielte in den 70er Jahren für den TSV in der Fußballmannschaft, die 1973 als erstes Team aus dem Untertaunus in die damalige Gruppenliga Hessen-Mitte, heute Verbandsliga, aufgestiegen ist und im Kreis-, Bezirks- und Hessenpokal für Furore sorgte. 

Er war eine der prägenden Figuren der erfolgsreichsten Fußballgeschichte, die der TSV je hatte. Sieben Jahre dauerte das Kapitel Gruppenliga, später Landesliga (heute Verbandsliga Hessen-Mitte. Rainer war ein Laufwunder und ein Kämpfer. Mit seiner Laufbereitschaft, seinem Kampfeswillen und bisweilen auch seiner Härte verschaffte er sich Respekt auf jedem Platz im Hessenland. Manch ein Gegenspieler ließ sich entnervt auswechseln und tauchte im Rückspiel erst gar nicht mehr auf.

Zweimal gelang im Hessenpokal die Qualifikation für den DFB-Vereinspokal, an dem damals noch deutlich mehr Amateurmannschaften teilnehmen durften als heute, die dafür aber nicht automatisch Heimrecht hatten. 1974/75 wirkte Rainer in allen vier DFB-Pokalspielen mit. Zunächst beim 2:1-Sieg nach Verlängerung beim FC Rodalben (Oberliga Südwest). Danach bei zwei Spielen gegen den Zweitbundesligisten FC Homburg/Saar. Das erste Spiel endete am Röderweg vor 1.600 Zuschauern mit 0:0 nach Verlängerung, das damals noch fällige Wiederholungsspiel fand vor 2.000 Zuschauern im Stadion Berliner Straße in Wiesbaden statt und endete erneut 0:0 nach insgesamt vier Stunden Spielzeit. Das Elfmeterschießen gewann der TSV mit sage und schreibe 2:0, weil der Zweitbundesligist vier Elfmeter verschoss. Drei davon parierte unser Keeper Horst Brzobohaty, der danach als „Elfmetertöter aus dem Taunus“ in der Presse gefeiert wurde. In der 3. DFB-Pokalrunde erzielte Rainer beim dreimaligen deutschen Amateurmeister SC Jülich 10 das Führungstor zum 1:0, konnte aber das Ausscheiden nach einer 2:4-Niederlage auch nicht verhindern.

1977/78 hatte sich der TSV erneut für den DFB-Vereinspokal qualifiziert. In der ersten Runde mussten wir beim Zweitbundesligisten SG Wattenscheid 09 im Bochumer Ruhrstadion antreten. Leider zog sich Rainer nach einer guten halben Stunde bei einem Zusammenprall einen Wadenbeinbruch zu und musste ins Bergmanns-Heil-Krankenhaus eingeliefert werden. Aber er wäre nicht Rainer Watzke, wenn er nicht schon Ende der zweiten Halbzeit mit Gips und Krücken wieder im Stadion zurück gewesen wäre und die erfolgreiche Verlängerung von der Bank zwischen den Sanitätern miterlebt hätte. In der Verlängerung gewann der TSV durch zwei Tore von Siegbert Eckl und Helmut Schloßbauer mit 2:1.

In der zweiten Runde musste der TSV dann drei Wochen später beim damaligen Deutschen Vizemeister FC Schalke 04 im Gelsenkirchener Parkstadion antreten. Rainer erlebte die Reise mit, musste jedoch wegen seines Beinbruchs tatenlos zuschauen, wie der mit fünf Nationalspielern bestückte Bundesligist den TSV standesgemäß mit 8:1 besiegte. Das Gegentor köpfte Rudi Schloßbauer beim Stande von 2:0 nach einer Ecke von Jupp Schmidt.

Trauerfeier coronabedingt auf dem Sportfeld Röderweg

Die Trauerfeier fand erstmals auf dem Fußballfeld statt. Es war die einzige Möglichkeit, in Zeiten der Corona-Krise einer größeren Menschenmenge im Freien mit Abstandsgebot die Möglichkeit zu geben, von Rainer Watzke Abschied zu nehmen. Bestatter Rainer Tauber hatte im Tor auf einem hölzernen Podest die Urne aufgestellt, umrahmt von Kränzen und Blumengestecken. Das Bild von Rainer lächelte den Trauergästen entgegen, neben der Urne stand ein Rennrad, daneben ein Fußball und ein Wimpel des TSV Bleidenstadt.

Rund 200 Trauergäste hatten sich eingefunden, darunter viele seiner früheren Mitspieler und Trainer, um Abschied zu nehmen von einer Lichtgestalt der Bleidenstädter Fußballer aus den 70er Jahren.

Patoralreferent Michael Graf erinnerte die Gäste noch einmal an die geltenden Abstandsregeln und bat eindringlich um Einhaltung. In seiner Predigt würdigte er den Verstorbenen als Sohn, Bruder, Schwager und Freund. In all seinen sportlichen Aktivitäten, nach dem Fußball dem Ausdauersport wie Triathlon, Alpenmarathon und Radfahren sei Rainer Watzke immer seinen eigenen Weg gegangen.

Der TSV-Ehrenvorsitzende Gerhard Rüppel beschrieb noch einmal seine fußballerische Karriere im TSV Bleidenstadt. Er wies aber auch darauf hin, dass Rainer auch neben dem Fußballplatz eine prägende Figur war. Legendär z.B. seine „Stubendurchgänge“ bei den Jahresabschlussfahrten, die damals noch nicht nach Malle, sondern in Sporthotels nach Österreich führten. Seine Art Fußball zu spielen und auch das Rahmenprogramm mitzugestalten, hat sich in das Gedächtnis seiner Mitstreiter eingeprägt. Rainer hat alles mit großer Leidenschaft und Intensität gemacht.

Rüppel zitierte einen römischen Philosophen: „Das Leben ist wie ein Theaterstück. Es kommt nicht darauf an, wie lang es ist, sondern wie bunt.“ Rainers Leben war bunt und voller Facetten.

Zum Abschluss erinnerte Rüppel die Trauergäste, heute an sein Leben in unserer TSV-Fußballfamilie zu gedenken und darin auch die mit einzuschließen, die schon vor Rainer gehen musste. Stellvertretend aus dem erfolgreichen Kader der 70er Jahre nannte er Willi Reichert, Helmuth Lohse und Walter Pichl und er war sich ganz sicher:

„Einen Typen wie Rainer Watzke wird die TSV-Fußballfamilie nicht vergessen!“

G.R.