77er TSV-Pokalhelden besuchen nach 40 Jahren FC Schalke

Es war ein wenig wie früher vor der Abfahrt zu den Auswärtsspielen. Am 30. September 2017 trafen sich 18 ehemalige TSV-Spieler und Betreuer auf dem Parkplatz am Röderweg, um diesmal zu einem besonderen Ausflug zu starten.

Rückblick – vor vierzig Jahren

Im Juli/August 1977 starteten sie jeweils mit einem Mannschaftsbus, zunächst am 30.7.1977 ins Bochumer Ruhrstadion, um dort in der 1. Hauptrunde des DFB-Vereinspokals gegen den damaligen Zweiligisten SG Wattenscheid 09 anzutreten. Damals ging keiner davon aus, dass die TSV-Recken die 1. Runde gegen den haushohen Favoriten aus Wattenscheid bestehen könnten. Doch nach 90 Minuten stand es 0:0, obwohl Rainer Watzke bereits in der ersten Hälfte wegen eines Wadenbeinbruchs ausscheiden musste. Für ihn wurde Siegbert Eckl eingewechselt, der zu Beginn der Verlängerung eine Bogenlampe in den Winkel schweißte. Der TSV ließ sich auch durch den Ausgleich nach 100 Minuten nicht beeindrucken und in der 117. Min. schickte Jupp Schmidt mit einem langen Diagonalpass Helmut Schloßbauer auf die Reise, der aus Linksaußenposition dem Wattenscheider Torhüter Behrendt keine Chance ließ. Bis dahin hatte sich schon TSV-Torhüter Dieter Gleißner mehrfach ausgezeichnet, der den Sieg dann auch bis zum Ende festhielt. Die Sensation war perfekt. Nach 1974/75 stand der TSV zum zweiten Mal in der 2. Hauptrunde des DFB-Vereinspokals.

Die Aufstellung des TSV: Dieter Gleißner – Alfred Hollinger, Wilhelm Damm, Willi Löhr, Jürgen Mielke – Rainer Watzke (40. Siegbert Eckl), Jupp Schmidt, Dieter Schulz, Bernd Hollinger – Gerhard Pfeiffer (65. Norbert Schulz), Helmut Schloßbauer.

Drei Wochen später hieß der nächste Gegner FC Schalke 04, 1977 amtierender Deutscher Vizemeister und mit den Nationalspielern Klaus Fischer, Erwin und Helmut Kremers, Rolf Rüssmann, Hannes Bongartz und Rüdiger Abramczik, sowie dem jugoslawischen Nationaltorhüter Enver Maric. Galt gegen Wattenscheid noch die Devise „Hinfahren, gewinnen, heimfahren“, bereitete sich der TSV diesmal bereits einen Tag vorher im Hotel Maritim am Gelsenkirchener Stadtgarten vor. Rainer Watzke, Wilhelm Damm und Gerhard Pfeiffer konnten verletzungsbedingt nicht auflaufen. Im Parkstadion Gelsenkirchen ging es schon damals per Rolltreppe von der Umkleidekabine auf das zwei Stockwerke tiefer gelegene Spielfeld. Bereits in der 1. Spielminute eröffnete Hannes Bongartz den Schalker Torreigen, den Nationalmittelstürmer Klaus Fischer in der 13. Min. ausbaute. Dann kam die 25. Minute des TSV. Helmut Schloßbauer hatte beherzt aufs Tor geschossen, Maric konnte mit Mühe zur Ecke abwehren. Die Ecke gab Jupp Schmidt von rechts herein und im Fünfmeterraum am kurzen Eck ließ Rudi Schloßbauer mit seinem Kopfball Torhüter Maric keine Chance. Der TSV hatte im Parkstadion auf 1:2 verkürzt. Rudi sollte der einzige Torschütze an diesem Tag bleiben, der das Nationaltrikot noch nicht getragen hatte. Das erste Ziel, nämlich wenigstens ein Torerfolg war erreicht, in der Folge ging es um das zweite Ziel, nicht zweistellig zu verlieren. Mit Helmut Kremers, Erwin Kremers, noch dreimal Klaus Fischer und Rüdiger Abramczik, allesamt Nationalspieler, schraubte Schalke das Ergebnis auf 8:1, aber das war längst zweitrangig. Der TSV hatte sich gegen den Bundesligisten vor 8.000 Zuschauern im Nieselregen gut verkauft und auch die 300 mitgereisten TSV-Anhänger waren es zufrieden. Nach dem Spiel lud Schalke-Legende Charly Neumann die TSV-Crew zum Essen in den „Blauen Salon“ ein und am Tag darauf gab die Stadt Taunusstein der Mannschaft einen außergewöhnlichen Empfang im Sport- und Jugendzentrum. Und ganz nebenbei nahmen die TSV-Verantwortlichen um Gerhard Rüppel die höchste Einnahme der Vereinsgeschichte mit nach Hause. Wie war es im Wiesbadener Tagblatt zu lesen: „Der TSV feierte Heiligabend im August“.

Die Aufstellung des TSV: Lohse – Alfred Hollinger, Norbert Schulz, Willi Löhr, Jürgen Mielke – Rudi Schloßbauer, Jupp Schmidt, Dieter Schulz, Bernd Hollinger – Siegbert Eckl (59. Günter Gebauer), Helmut Schloßbauer (59. Walter Pichl).

Rückblick – vor zwanzig Jahren

Genau zwanzig Jahre später, am 20. August 1997, hatten die Spieler von damals ihre Karriere längst beendet oder in der TSV-AH-Mannschaft fortgesetzt, erinnerten wir uns zum ersten Mal an den sportlichen Höhepunkt aus dem Jahre 1977. Spieler, Funktionäre und Fans waren eingeladen zum Schalke-Revival im Vereinsheim am Sportfeld Röderweg. Das TSV-Heim war mit blau-weißen Papierfahnen eingehüllt, was einfach war, weil beide Vereine blau-weiß als Vereinsfarben haben. Es war prall gefüllt mit ehemaligen und aktuellen Spielern, Funktionären, Frauen und Anhängern als Schalke-Legende „Charly“ Neumann mit unserem damaligen Gegenspieler Manfred Dubski auftauchte und der Feier einen tollen Rahmen verlieh. Schalke 04 war gerade UEFA-Cup-Sieger der Pokalsieger geworden und als „Euro-Fighter“ in die Fußball-Geschichte eingegangen. Charly lieferte zwei Stunden Entertainement vom Feinsten und hatte natürlich reichlich Geschenke und Fan-Artikel dabei. Bei seiner Begrüßung durch Gerhard Rüppel sagte er: „Als ich unserem Manager Rudi Assauer davon erzählt habe, dass mich der Rüppel angerufen hat und ich unseren Pokalgegner von 1977 in Bleidenstadt wiedertreffen soll, hat der Rudi zu mir gesagt, Charly, da musst Du hin.“ Es blieb für alle ein unvergesslicher Abend.

Aus dem Kader von 1977 waren, Rainer Watzke, Jürgen Mielke, Gerhard Pfeiffer, Willi Löhr, Norbert Schulz, Jupp Schmidt, Wilhelm Damm, Helmut Schloßbauer, Rudi Schloßbauer, Siegbert Eckl, Alfred Hollinger, Dieter Schulz und Walter Pichl dabei.

Heute – nach vierzig Jahren

Jetzt, nach 40 Jahren, trafen sich die TSV-Recken von damals am 30.9./1.10.2017 erneut, um den FC Schalke 04 in seinem heutigen Domizil, der Veltins-Arena zum Bundesliga-Spiel gegen Bayer Leverkusen am Freitagabend zu besuchen.

Am Freitagmittag um 12:00 Uhr war wie früher Treffpunkt am Sportfeld Röderweg. Von der damaligen Mannschaft um Spielertrainer Willi Löhr waren außer ihm noch Alfred Hollinger, Dieter Schulz, Norbert Schulz, Rudi Schloßbauer, Helmut Schloßbauer, Jupp Schmidt, Siegbert Eckl, Rainer Watzke, Günter Gebauer und Wilhelm Damm dabei. Jürgen Mielke, Bernd Hollinger, Walter Pichl und Gerhard Pfeiffer fehlten urlaubsbedingt und wären gern dabei gewesen. Aus dem Betreuerstab fuhren Gerhard Rüppel, Rainer Biefang und Helmut Gotscher mit auf Schalke. Aus dem Umfeld komplettierten Gerd Hollinger, Helmut André, Horstfried Ebert und Markus Lotz die 18-köpfige Delegation.

Um 17:00 Uhr empfing der FC Schalke 04 auf Vermittlung des heutigen TSV-Vorsitzenden Markus Jestaedt die TSV-Oldies an der Veltins-Arena und bot einen VIP-Stadion-Rundgang an. Der endete mit dem Gang durch den Spielertunnel, der in der Art eines Ganges durch ein Kohlebergwerk gestaltet ist. Das alte Parkstadion steht leider nur noch rudimentär. Der frühere Nationalmittelstürmer Klaus Fischer, der vier der acht Treffer gegen den TSV erzielte, wollte vorbeischauen, musste jedoch wegen eines Trauerfalls in seiner bayerischen Heimat absagen, ehe um 20:30 Uhr das Bundesligaspiel FC Schalke 04 – Bayer Leverkusen auf dem Plan stand. Es endete 1:1 unentschieden.

Übernachtet wurde nach dem Spiel natürlich im damaligen Mannschaftsquartier Maritim-Hotel am Stadtgarten in Gelsenkirchen. Dort wurde so manche Erinnerung an den 20. August 1977 wach. Am Samstag wurde der „Jubiläumsausflug“ abgerundet mit einem Besuch des Deutschen Fußball-Museums in Dortmund. Dieses Museum hat nichts mit Borussia Dortmund zu tun. Es ist dort die gesamte Geschichte des Deutschen Fußball-bundes abgebildet, schwerpunktmäßig die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg mit allen vier deutschen Weltmeistertiteln 1954, 1974, 1990 und 2014. Aber auch vielen anderen Exponaten aus der Geschichte der Bundesliga und des DFB-Vereinspokals. Ein Besuch in diesem Museum lohnt sich für jeden Fußball-Interessierten, darin waren sich die TSV-Recken einig, bevor es wieder auf den Heimweg ging.

Es dürfte auch im Amateurfußball einmalig sein, dass eine Mannschaft nach 40 Jahren noch diesen Zusammenhalt hat. Beim Vorbereitungstreffen vor einigen Wochen im TSV-Vereinsheim war mit den jetzigen Urlaubern das gesamte damalige Aufgebot komplett anwesend. Torhüter Dieter Gleißner konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen. Bei dem Treffen wurde auch an die bereits Verstorbenen erinnert: Vorsitzender Willy Freund, Torhüter Helmuth Lohse sowie die Spielausschussmitglieder Franz Deuser und Fritz Lukacek.